Kartenlegen heute? Discount-Wahrsagerei!

Wohin ist die Güte der Ruhe, um sich Rat bei einer weisen Frau zu holen? Eine Frau, bescheiden lebend, die mit abgewetzten Karten, tief im Sofa sitzend, am viel zu hohen Stubentisch aus der Zukunft liest. Leise, aber eindringlich sprechend, so dass man Ehrfurcht hatte. Wo sind sie, die alten Damen der Kriegsgeneration?

Oma Weber – jeder nannte sie Oma Weber – war so eine Dame. Zufälligerweise war sie meine Uroma. Sie saß in ihrem alten Friesenhaus in Itzehoe und besserte ihre Rente auf.

In jeder Stadt gab es eine Oma Weber. Eine Kartenlegerin vom alten Schlag. Wer hier hin ging, hoffte auf eine bessere Zukunft. Alle paar Jahre suchte man eine solche Wahrsagerin auf, man lauschte ihren Prognosen, legte zehn, zwanzig Mark auf den Tisch und war voll von dem Gesagten. Über Jahre hinweg erfüllten sich die Aussagen. Das war auch kein Problem, denn schließlich hatte man die Gewissheit einer Oma Weber. Man vertraute den Prognosen, man war geduldig.

All das ist aber Vergangenheit.

Angebot und Nachfrage haben sich geändert. Kartenleger und Wahrsager gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Was auch notwendig ist, da die Zahl der Rat suchenden stark zugenommen hat.

Da der Markt aber nun auch etwas übervoll ist, wird um Quadratzentimeter gekämpft. Die großen Vermittlungs-Anbieter können es sich leisten, das Honorar bei den Beratern und Experten zu drücken, um Rat suchende weiterhin bei Laune zu halten.

Das Geld ist knapp.

Das haben die großen Anbieter gemerkt, denn die Rat suchenden „nutzen“ die Berater und Experten wie beim Einkaufen, mit einem Zettel in der Hand, um die Regale im Supermarkt schnell ab zu arbeiten. Rat suchende wollen schnell an Antworten kommen, denn via Hotline bestimmt die Zeit die Geldausgabe. So hetzt der Rat suchende durch das Gespräch, hakt seine Fragen ab, ist nicht wirklich aufnahmefähig und er hat das Gesagte wahrscheinlich gleich wieder vergessen. Vielleicht hat er eine Kernaussage behalten, die, die ihm wichtig war, aber die Antwort ist nicht nachhaltig.

Auf der anderen Seite haben wir den Berater, der – mittlerweile als neues Berufsbild – davon existieren muss. Wenn das Gespräch schon sehr kurz und nach 8 Minuten beendet ist, benötigt er nicht noch zusätzlich eine schlechte Bewertung, um Kunden zu verlieren. D. h. der Berater kann sich gar nicht entfalten.

Angebot und Nachfrage bestimmen hier die Qualität, nicht die Ausbildung, Vererbung oder natürliche Begabung.

Als Vergleich steht hier der Tante-Emma-Laden zum Supermarkt, was beim Kartenlegen Oma Weber ist, die ihren Laden schließen muss, weil Hotlines hipp sind. Hotlines sind bequem. Für beide Seiten. Beide Seiten können im Pyjama auf dem Sofa sitzen. Der eine in München, der andere in Husum.

Die professionelle Kartenlegerin könnte genauso viel Geld verdienen, wenn Rat suchende sie zu Hause aufsuchen würden, da hier kein Vermittler mitmischt. Gleichzeitig würde der Rat suchende weniger Geld ausgeben, wenn er gelegentlich zu einer persönlichen Beratung ginge. Die Gespräche sind meist besser, da der Preis vorher feststeht und man auf den Rat suchenden nachhaltig eingehen kann. Hier ist der Rat suchende auch gut beraten, sich in Geduld, Selbstruhe und Selbstsicherheit zu üben. Man gewinnt so viel mehr an Lebensqualität. Der Berater übrigens auch. Beide Seiten können nur gewinnen!

Tante Emma und Oma Weber sind noch da! Sie sind zwar in der Unterzahl, aber ich bin mir sicher, dass sie sich ihre Nische wieder erobern werden.

Und wenn sich beide Seiten einig sind, können sie sich auch im Pyjama treffen.

Dies sollte nur ein kleiner Denkanstoß sein. Vielleicht nehmen Sie ihn gerne an?

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